Jeden Tag genießen

Kann das gelingen? Na ja, vielleicht nicht immer, sagen Forscher, aber meistens.
Zufriedenheit ist nämlich vor allem eine Frage der Einstellung.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und die meisten von uns ziehen eine Bilanz: „Wie sind die letzten Monate verlaufen? Was war im Vergleich zum Vorjahr besser oder schlechter? Wo soll es 2019 hingehen? Was möchte ich verändern?“ Dahinter steckt eine einzige Frage: „Wie zufrieden bin ich mit meinem Leben?“ Ein großes Thema, in das man mit einer kleinen Begriffsdefinition einsteigen sollte. Glück und Zufriedenheit sind schließlich keineswegs dasselbe.

Als Glück bezeichnen Wissenschaftler Highlights. Das sind Hochgefühle, die wir einer intensiven Hormonausschüttung verdanken, zum Beispiel nach dem Gewinn eines Fußballspiels, nach einem Heiratsantrag oder einer Beförderung. Dieses Glücksgefühl hält allerdings nur so lange an, bis die Hormone wieder abgebaut sind.

Zufriedenheit zählt

Wenn wir hingegen davon sprechen, wie glücklich wir im Leben sind, meinen wir in Wahrheit die grundsätzliche Zufriedenheit mit unserer Situation. Für alle, deren Bilanz nicht so gut aussieht, gibt es eine gute Nachricht: Es liegt auch in Ihrer Hand, wie Sie sich fühlen. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Wissenschaftler schätzen, dass unsere Veranlagung etwa zur Hälfte dazu beiträgt, wie wir unser Leben wahrnehmen.

Die Umstände, also Familie, Job, Geld oder Wohnsituationen, haben hingegen einen überraschend niedrigen Anteil, nämlich nur ungefähr zehn Prozent. Die übrigen 40 Prozent sind laut der Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky Ihre Einstellung und Ihr Verhalten.

Was können wir nun konkret tun, um zufriedener zu sein? Prof. Dr. Corinna Peifer leitet die Arbeitsgruppe Angewandte Psychologie in Arbeit, Gesundheit und Entwicklung an der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Sie sagt: „Eine positive Sichtweise trägt erheblich zur Zufriedenheit bei, und die kann ich üben.“

Die Einstellung verändern

Ein Beispiel: Viele ärgern sich, wenn sie im Stau stehen, und bekommen schlechte Laune. Eine Alternative könnte es sein, den Stau als Sachverhalt hinzunehmen. „Fragen Sie sich im nächsten Schritt, was daran positiv sein könnte“, sagt Peifer. „Vielleicht nutzen Sie die Zeit, um Ihr Lieblingslied zu hören, oder Sie rufen über die Freisprechanlage eine alte Bekannte an.“ Schon sei die schlechte Laune abgewehrt.

Als Trainingshilfe empfiehlt Peifer ein sogenanntes Glückstagebuch. „Darin wird zweimal pro Woche notiert, was seit dem letzten Eintrag an guten Dingen passiert ist“, erklärt sie. „Dadurch wird uns bewusst, wie viel Schönes wir erleben.“ Solch ein Tagebuch habe einen weiteren Vorteil, so die Psychologin: „Uns fällt auf, welche Situationen wir als besonders positiv empfinden. Denn nicht jeder Mensch weiß, was ihm gut tut. Aus den Notizen lassen sich in der Regel jedoch schnell Muster ablesen. Häufig werden zum Beispiel Treffen mit anderen Menschen als positiv empfunden, ein Hobby macht mir große Freude, oder Aufenthalte in der Natur tragen zur Entspannung bei.“

Im nächsten Schritt sollte man versuchen, diese Situationen häufiger herbeizuführen, um zu mehr Zufriedenheit zu gelangen. „Ein häufiger Grund dafür, dass Menschen sich schlecht fühlen, sind übrigens fehlende soziale Beziehungen“, sagt Prof. Dr. Maike Luhmann. Sie lehrt ebenfalls an der RUB und beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Lebenszufriedenheit. „Studien haben gezeigt, dass dieses Phänomen nicht nur in der Altersgruppe der über 85-Jährigen häufig auftritt, die bereits Freunde und Familienmitglieder verloren haben. Erhöhte Einsamkeitswerte gibt es auch bei den 30- bis 40-Jährigen.“ Sie empfiehlt daher, auch in stressigen Lebensphasen unbedingt Freundschaften zu pflegen.

Das gilt gleichermaßen für den Job. „Unzufriedenheit hängt sehr häufig mit einem schlechten Betriebsklima zusammen, und dagegen kann man etwas tun, zum Beispiel können Sie anregen, Geburtstage zu feiern oder sich auch mal abends zu treffen, um sich besser kennenzulernen“, empfiehlt Prof. Peifer. Grundsätzlich könne natürlich nicht jeder Job die Erfüllung sein. Hier komme wieder die Einstellung ins Spiel. Die Psychologin nennt ein Beispiel: „Stellen Sie sich vor, Sie fragen zwei Reinigungskräfte im Krankenhaus nach ihrem Job. Die eine sagt: ‚Ich mache hier den Dreck weg.’ Die andere antwortet: ‚Ich bin für die Hygiene zuständig, und die ist eine wichtige Voraussetzung, damit die Patienten wieder gesund werden.’ Natürlich ist die Zweite zufriedener.“

Kleine Schritte machen

Dieses Prinzip lasse sich auf jeden Beruf anwenden. „Eine Verkäuferin in der Bäckerei kann sich zum Beispiel klarmachen, dass sie den Kunden einen guten Start in den Tag ermöglicht oder ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.“

Oft ließe sich zudem privat und im Arbeitsalltag mehr ändern, als vielen bewusst sei – sobald die Routine hinterfragt wird. Vielleicht können Sie Aufgaben mit Kollegen tauschen? Oder privat führen Sie einen festen Tag in der Woche ein, an dem Sie sich mit Freunden treffen und der Partner die Kinder versorgt? „Wichtig ist es dabei, Veränderungen – ob es um praktische Dinge oder um die Einstellung geht – in kleinen Schritten umzusetzen“, rät Peifer. „Sonst klappt es nicht, und es folgt der Frust

5 Tipps für mehr Zufriedenheit

  • 1. Sichtweise ändern
    Schimpfen Sie nicht so viel über Negatives. Das ändert ja nichts. Suchen Sie stattdessen nach den positiven Seiten der Situation, und führen Sie ein Glückstagebuch.
  • 2. Hobbys suchen
    Füllen Sie Ihre Freizeit sinnvoll, statt zum Beispiel passiv vorm Fernseher zu hocken. Ein Tipp: Überlegen Sie, was Sie in Ihrer Jugend gerne gemacht haben.
  • 3. Freude schenken
    Studien haben es bewiesen: Wer anderen Menschen häufig eine Freude macht, ist auch mit seinem eigenen Leben
    deutlich zufriedener.
  • 4. Sorgen teilen
    Das soziale Netz ist für die Zufriedenheit extrem wichtig. Dazu gehören auch Kollegen, mit denen man Ärger teilen kann. Das erleichtert ungemein.
  • 5. Launen akzeptieren
    Kein Mensch hat immer gute Laune. Versuchen
    Sie, negative Gefühle zu akzeptieren. Anschließend richten Sie Ihre Gedanken auf die Lösung und nicht auf das Problem.