Was treibt Sie an, …

Rolf-Bernhard Essig? Er kommt aus einer zehnköpfigen Familie, in der ständig Sprüche über den Tisch wanderten. Jetzt schreibt er Bücher darüber.

Sind diese oft abgedroschen klingenden Sprüche uralte Erfahrungen von Menschen?

Eine ganze Menge Sprichwörter beziehen sich auf Grunderfahrungen und -situationen des Lebens, die alle Naslang vorkommen: Liebe, Überraschung, Enttäuschung, Glück, Gefahr, Schuld, Scham, Schadenfreude. Immer wieder ermöglichen sie es uns, Worte für Gefühle und Situationen zu finden. Damit geben sie Halt, können trösten, bewahren uns vor unbedachten Reaktionen. Wir alle können sie außerdem leicht verändern und damit erneuern. Im Englischen heißt es: „Proverbs never die, they just diversify.“ Zu Deutsch: Sprichwörter sterben nicht, sie verändern sich nur.

Oder denkt sich jemand eine Redewendung aus?

Das stimmt natürlich erst recht und jeden Tag! „Geflügelte Worte“ nennt man Zitate von Autoren, Politikern, aus Filmen oder Comedy-Shows, die sich als sprichwörtliche Redensarten verselbständigt haben. Manchmal sitzen ganze Teams daran, solche Wendungen zu erfinden, früher genügten einzelne wie Goethe: „Das ist des Pudels Kern“ (aus Faust). Oder Schiller: „Ich kenn doch meine Pappenheimer“ (aus Wallensteins Tod). Oder Shakespeare: „Der Rest ist Schweigen“ (aus Hamlet).

Wie kam denn die Redewendung „Da haben wir den Salat“ zustande – ein Buchtitel von Ihnen?

Das hat mit dem Umstand zu tun, dass Salat eine Mischspeise ist und deshalb für ein Durcheinander stehen kann.

Gibt es typische Sprüche aus dem Ruhrgebiet?

Schon, aber viele sterben aus oder sind schon ausgestorben, weil sie aus der Berg- oder Stahlarbeitersprache stammen. Manche haben sich auch weit verbreitet wie „großen Bohei machen“, das aus dieser Region stammt, ohne dass die genaue Entstehung klar ist.

Was war der blödeste Spruch, den Sie gehört haben?

„Ein Mensch für sich ist nichts, zwei zusammen eine ganze Welt.“ Das sagte unsere Standesbeamtin bei der Trauung – drei unserer Gäste waren Singles.

Und Ihr persönlicher Favorit?

„Lehre deine Zunge zu sagen: Ich weiß nicht!“ Diese Weisheit aus dem jüdischen Talmud kann vor Dummheiten bewahren, vor Lügen, vor Problemen, die entstehen, weil man Kompetenz nur vortäuscht. Wer dieses Sprichwort ernstnimmt, wird erfahrener und weiser werden.


Rolf-Bernhard Essig

Literaturkritiker, Dozent, Moderator, Ghostwriter, Journalist für die Zeit und die Süddeutsche Zeitung – die Liste der Berufe, die er ausübt, ist lang. Vor allem aber ist er Autor. Seine Bücher haben ihm den Titel „Indiana-Jones der Sprachschätze“ verschafft. Offensichtlich war also nicht „Alles für die Katz“. Auch eines von Essigs Werken. Mehr unter: schuressig.de