Was treibt Sie an … Christian Stratmann?

Der Prinzipal vom Mondpalast in Wanne-Eickel ist ein mutiger Mensch. Denn sein privates Theater kommt ohne Fördermittel aus. Es darf gelacht werden!

Der Mondpalast trägt die Eigenwerbung „Deutschlands großes Volkstheater“. Volkstheater klingt aber immer ein bisschen miefig nach 1960er Jahre mit Willi Millowitsch und Heidi Kabel …

Der Mondpalast von Wanne-Eickel steht für ein modernes Volkstheater. Frisch, frech, nah am Ruhrgebiet und nicht selten politisch höchst unkorrekt. Auf diese Weise sind echte Klassiker entstanden, die ein immer jüngeres Publikum anziehen und hervorragend unterhalten. Das gilt für unseren Fußballknüller „Ronaldo & Julia“ ebenso wie für „Flurwoche“ über das völlig chaotische Mit- und Gegeneinander in einem Wanne-Eickeler Mietshaus. In „Herr Pastor und Frau Teufel“ schickert sich eine Trauergemeinde um Kopf und Kragen. Und bei „Der zerdepperte Pott“ blicken wir auf humorvolle Weise hinter die Kulissen des Kreisliga-Fußballs.

Hape Kerkeling, Helge Schneider, Herbert Knebel, Ingo Appelt, Atze Schröder, Hans Werner Olm und früher die Missfits – das Ruhrgebiet ist Heimat vieler berühmter Komiker. Sind die Menschen im Revier besonders lustig? Oder ist das vielleicht Galgenhumor?

Menschen im Revier sind nicht lustiger als anderswo, auch Galgenhumor ist der falsche Begriff. Was uns auszeichnet, ist eine unverstellte Sicht auf den Alltag, ein klarer Blick auf die Mitmenschen und die Bereitschaft, die Wahrheit auszusprechen, immer getragen von Respekt und Solidarität. Wir stehen eher in der Tradition eines Adolf Tegtmeier alias Jürgen von Manger, der ja auch Herner war. Sein Typus Mensch bietet den Stoff, aus dem auch unsere Komödien sind. Dafür lieben die Menschen im Revier „ihren“ Mondpalast. Viele staunen darüber, dass es uns erst seit 2004 gibt. Sie haben das Gefühl, wir wären schon immer dagewesen. Das zeigt uns: Der Mondpalast hat ein Stück Heimat geschaffen und bietet Identifikation. Unsere Gäste lachen sich kaputt und sagen: Ja, so sind wir wirklich.

Sie haben großen Zulauf selbst von außerhalb des Ruhrgebietes. Was machen Sie besser als viele andere?

Unsere Philosophie ist es, die Gäste rundum glücklich zu machen. Das klingt simpel, ist es aber nicht. Der Mondpalast ist mit seinen 500 Plätzen größer als Ohnsorg in Hamburg oder Millowitsch in Köln. Ein solches Theater will gefüllt werden. Das gelingt nur durch ein hervorragendes Ensemble und mittlerweile 15 Komödien, aber auch durch kompromisslose Kundenorientierung. Unsere „Rundum-vergnüglich-Garantie“ fängt beim Buchen der Theaterkarte über unser neues Online-Ticketsystem an und hört beim frischen Pils nach der Vorstellung noch lange nicht auf. Das spüren die Leute sehr deutlich. Wenn ich heute mit meinem Scanner am Eingang stehe, begrüßen mich die Gäste wie einen lieben Bekannten. Sie erzählen mir, wie häufig sie schon bei uns waren und welche Komödie ihnen besonders gut gefallen hat. Natürlich nutzen wir auch die modernen Mittel der Kommunikation, um unsere Gäste noch besser kennenzulernen. Woher kommen sie? Was wünschen sie sich? Wir wollen Wünsche erfüllen, von denen unsere Gäste noch gar nicht wissen, dass sie sie haben. Auch deshalb werden wir bis zum 15. Geburtstag im Jahr 2019 die Million knacken.

Sie nennen sich „Prinzipal“, was man unter anderem mit „selbstständiger Theaterunternehmer“ übersetzen kann. Hatten Sie nie Angst um Ihre Existenz – so ganz ohne Subventionen, wie sie die kommunalen Theater bekommen?

Der Mondpalast war und ist ein von mir rein privat finanziertes Theater ohne jegliche öffentliche Fördermittel und ohne Schulden. Darauf bin ich stolz. Wir können nur das ausgeben, was wir erwirtschaften, und müssen immer durch Leistung überzeugen. Natürlich gab es in den vergangenen fast 15 Jahren „ups and downs“, durch gute Kaufmannskunst jedoch ist es uns gelungen, die Krisen durchzustehen. Auf diese Weise ist ein inhabergeführtes kleines, mittelständisches Unternehmen entstanden, auf das sich die Mitarbeitenden, die Schauspieler und die Gäste verlassen können. Für Kontinuität und Qualität verbürge ich mich mit meinem Namen. Die Bezeichnung Prinzipal – ein wundervoller Begriff, wie ich finde – habe ich mir selbst verliehen. Die Gäste haben das gern akzeptiert. Nicht nur sie sprechen mich heute wie selbstverständlich mit „Herr Prinzipal“ an. Dann muss ich immer innerlich schmunzeln.

Über welche Art Witze können Sie gar nicht lachen?

Ich mag es nicht, wenn Witze auf Kosten anderer gemacht werden, wenn sie maßlos übertreiben, andere herabwürdigen oder in ihrer Würde verletzen. Da habe ich sehr feine Antennen. Und dann hört bei mir der Spaß auf.

Und über welche Witze besonders gerne?

Am meisten kann ich über die Witze lachen, die auf unserer Bühne zu hören sind. Am schönsten finde ich zum Beispiel knappe, absurde Witze mit einem Hauch von philosophischem Tiefgang nach Art von Karl Valentin. Einer der besten Witzeerzähler, die ich kenne, ist unser Schauspieler Axel Schönnenberg, ein langer Schlaks mit scheinbar traurigem Blick und unfassbar trockenem Humor. Aus Anlass meines 60. Geburtstags ist er im Totengräberkostüm aufgetreten und hat einen Witz nach dem anderen erzählt, die Gäste waren schier aus dem Häuschen.

Was ist der perfekte Ort oder die perfekte Tätigkeit für Sie, um neue Energie zu tanken?

Mein Lieblingsort ist meine neue Wohnung direkt am Rüttenscheider Markt in Essen. Ich trete aus der Tür und bin sofort mitten im Geschehen. Ich liebe es, auf dem Markt einzukaufen und mit den Händlern zu klönen. Die urbane Qualität in Rüttenscheid ist einzigartig. Restaurants, Geschäfte und Museen, aber auch viele Freunde und Bekannte kann ich zu Fuß erreichen. Ständig gibt es etwas Neues zu sehen oder zu erleben. Außerdem bin ich mit Leib und Seele Essener.

In welchen Situationen stehen Sie besonders stark unter Strom?

Das ist der Moment, an dem eine Komödie zum ersten Mal vor echten Gästen aufgeführt wird. Kann das, was wir bei den Proben witzig fanden, bestehen? Eine echte Zitterpartie, die immer wieder neu beginnt, zuletzt bei unserer aktuellen Komödie „Der zerdepperte Pott“. Dann stehe ich mit meinem guten Freund, dem Gründungsintendanten, Regisseur und Schauspieler Thomas Rech, hinter der Bühne, unsere Nerven zum Zerreißen gespannt. Wenn endlich der erste Lacher kommt und dann noch einer und noch einer, fallen wir uns erleichtert in die Arme: „Das Stück funktioniert!“ Und nicht nur das: Mit dem „Pott“, dem neuen Fußballspaß, haben wir wieder einen Volltreffer gelandet.

Wenn Sie einen persönlichen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Mein sehnlichster Wunsch ist es, noch lange so gesund und munter zu bleiben wie ich es jetzt bin. Möge der Mondpalast noch viele Jahre bestehen und den Gästen Freude bereiten.


Christian Stratmann lebt Kultur. Zusammen mit seinem Bruder Dr. Ludger Stratmann hat er das Europahaus Essen gegründet, er war Lehrbeauftragter für Kulturmanagement an der FH in Gelsenkirchen, und er betreibt seit 2004 den „Mondpalast“.

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